Die Erfahrungen von Heiko Münch

Portrait Heiko Münch ist zum Interviewzeitpunkt 22 Jahre alt. Die Diagnose ADS erhielt er im Alter von 11 Jahren. Herr Münch hat einer Veröffentlichung seines Interviews in der Textversion zugestimmt.

ADS wurde bei Heiko recht spät diagnostiziert. Er erklärt dies mit dem frühen Verlust seiner Mutter.  Seine Familie und sein soziales Umfeld habe das auffällige Verhalten von Heiko lange Zeit toleriert, da sie es damit in Zusammenhang brachten. Zum Beispiel wollte er als Kind nie zur Schule gehen oder Hausaufgaben machen. Dies sei vermutlich bei jedem Kind so, jedoch nicht in der Intensität wie ihm. Er selbst habe jedoch nicht wahrgenommen, dass er sich von anderen Kindern unterscheidet. Erst mit der Medikamenteneinnahme, die kurz nach der Diagnosestellung beginnt, stellt er Unterschiede fest.

Am Anfang fiel Heiko die Medikamenteneinnahme schwer. Für ihn bedeutete die Einnahme einen inneren Konflikt, denn er wollte auch ohne Tabletten angenommen und so akzeptiert werden, wie er ist. Diese Phase sei jedoch von kurzer Dauer gewesen und er habe schnell festgestellt, dass ihm die Medikamente helfen. Absetzversuche hat Heiko mehrfach in den Schulferien unternommen. Ohne Medikamente fühlt er sich jedoch „aufgestachelt“; Er fühlt „eine innere Unruhe“ und möchte „tausend Sachen auf einmal machen“ – macht aber dann meistens nichts. Durch die Einnahme der Medikamente gelingt es ihm, sich und seinen Alltag zu strukturieren, und er fühlt sich innerlich ruhiger. Heiko spürt sogar, wenn nachmittags die Wirkung der Tabletten nachlässt, die er am Morgen genommen hat. Er glaubt, dass er ohne Medikamente nicht studieren könnte.

Zusätzlich zu den Medikamenten habe ihm eine Therapie geholfen. Hier konnte sich Heiko Strategien erarbeiten, die er im Alltag einsetzt. So lernte er durch verschiedene Übungen, über sein eigenes Verhalten nachzudenken. Er schafft es mittlerweile, seltener abzuschweifen und die Bedürfnisse anderer besser wahrzunehmen. Als Beispiel nennt er Sport. Früher war er immer sehr ehrgeizig, habe immer gewinnen wollen und nicht auf die Bedürfnisse anderer geachtet. Inzwischen stellt er in dieser und ähnlichen Situationen persönliche Fortschritte fest. Zudem helfen ihm „Struktur und Ordnung“ im Alltag. Daher arbeitet er mit „Listen“ und „Zeitplänen“. Vor allem in seinem Studium sei „Zeitmanagement“ für ihn sehr wichtig. Nur dadurch gelinge es ihm, sich zum Lernen zu motivieren und gute Prüfungsergebnisse zu erzielen. Wichtig für ihn ist auch eine räumliche Trennung: Zum Lernen verlässt er seine Wohnung und geht in die Bücherei.

Heikos Umgang mit ADS hat sich im Laufe der Zeit verändert: Zu Beginn wussten seine Lehrkräfte darüber Bescheid, da sie in die Diagnosestellung einbezogen waren. Heiko wollte jedoch „normal“ sein, weswegen er später kaum jemandem von seiner Diagnose erzählte. In seinem universitären Umfeld spricht Henning gar nicht über sein ADS.

Heiko informiert sich selbst über AD(H)S, indem er Artikel in Zeitschriften liest. Häufig findet er sich in den Beschreibungen anderer wieder. Zusätzlich guckt er gezielt im Internet nach, wenn er etwas Bestimmtes über AD(H)S wissen möchte. Für Heiko ist AD(H)S eine Diagnose, eine Krankheit oder eine Verhaltens- beziehungsweise Charaktereigenschaft. Positiv an ADS ist für ihn, dass er so viele Interessen auf vielen Gebieten hat, er sich aber ebenso für ein Projekt begeistern und dafür alle Ressourcen mobilisieren könne, um es umzusetzen und fertigzustellen.

Das Interview wurde 29.03.2015 geführt.

Alle Interviewausschnitte von Heiko Münch

Ein Psychotherapeut half Henning Münch, die Mechanismen hinter den Streitigkeiten während der Pubertät besser zu verstehen.

Henning Münch hat viele Interessen. Zudem ist er zielstrebig, kreativ und kann sich durchsetzen. Er sieht in seinen Schwächen auch einige Stärken.

Henning Münch ist nicht „dümmer“ als andere. Er brauchte allerdings erst ein strukturiertes Studium, um zu zeigen, was in ihm steckt.

Henning Münch fühlt sich schon bei Routinetätigkeiten überfordert; wenn er aber seinen Hobbies nachgeht, vergisst er alles um sich herum.

Henning Münch beschreibt die Auseinandersetzung mit seinen Eltern über Schulaufgaben als einen Kampf.

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