Essen im Alltag und mit anderen

Im sozialen Zusammensein mit anderen spielt Essen eine große Rolle: Verbringt man Zeit miteinander, kommt spätestens nach ein paar Stunden das Thema Essen auf. Das ist sowohl in der Freizeit mit Freunden oder Familie der Fall, als auch bei der Arbeit, wenn in der Mittagspause oder aus bestimmtem Anlass abends gemeinsam gegessen wird. Unsere Interviewpartnerinnen beschreiben, dass es ihnen in vielen Situationen Schwierigkeiten machte, ihren eigenen schwierigen Umgang mit dem Thema Essen mit dem Essen in Gesellschaft zu vereinbaren.

Viele erzählen, dass Einladungen zum Essen oder zu gemeinsamen Kochabenden für sie sehr schwierig waren (oder sind), weil es in diesen Situationen nicht möglich ist, die Kontrolle über das Essen zu behalten: Die Menge kann nicht abgewogen werden, die Zusammensetzung nicht bestimmt werden, der Zeitpunkt des Essens und auch das Ende sind von außen vorgegeben. Erzählerinnen, die auch Essanfälle erlebten, erzählen von ihrer Angst, durch das Essen einen Essanfall auszulösen. Clara Fischer beschreibt es als „das Biest“, das sich ausbreitet: Sie kann in gemütlicher Runde mit anderen nicht alle Kekse wegessen, sondern muss auch noch was für die anderen übriglassen. Also „spielt“ sie ihre „Rolle“ weiter, bis sie endlich gehen kann, um zuhause ihr eigenes „Ding“ zu machen (z.B. dem Essdruck nachgeben). Viele unserer Interviewpartnerinnen hatten das Gefühl, sich von den anderen zu entfernen und einsam zu sein, weil sie nicht mitessen können (oder wollen).

Helene Weber erzählt, dass beim Zusammensein mit Anderen Essen fast immer eine Rolle spielt.

Viele Erzählerinnen beschreiben, wie schwierig es für sie ist, mit ihren Gefühlen und Gedanken zurecht zu kommen, wenn sie mit anderen essen. Tanja Zillich erzählt, dass sie das Gefühl hatte, wenn sie isst, zeigt sie den anderen, dass es ihr gut geht; innerlich hasste sie sich selbst aber für das Essen. Das führte dazu, dass sie gar nicht mehr essen konnte, wenn andere sie dabei sahen. Auch andere berichten, dass es sie verunsicherte, in Gesellschaft zu essen. Sie hatten das Gefühl, beim Essen beobachtet zu werden, oder haben Angst, dass man ihnen die Essstörung anmerkt. Manche Erzählerinnen beschreiben, dass sie es immer noch schwierig finden, mit Menschen zu essen, die in sehr akuten Phasen der Essstörung dabei waren.

Beim Essen mit anderen versuchten manche unserer Interviewpartnerinnen, durch bestimmte Tricks zu vermitteln, dass sie ganz normal essen (siehe Verheimlichen und Tricksen). Laura Brunner beschreibt, wie sie versuchte, das Essen auf ihrem Teller nach mehr aussehen zu lassen oder Essen vom Teller verschwinden zu lassen.

 

Essen gehen

Essen gehen in ein Restaurant ist für viele unserer Interviewpartnerinnen mit unangenehmen Gefühlen verbunden. Viele erleben diese Tatsache als Einschränkung, da sie es als etwas Schönes in Erinnerung haben. Einige haben es geschafft, heute wieder Essen gehen zu können, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. So ist es für die meisten schwierig, im Restaurant etwas direkt vorgesetzt zu bekommen. Buffets, bei denen man selbst Zusammensetzung und Menge der Mahlzeiten bestimmen kann, erleichtern es manchen der Erzählerinnen, wieder gerne essen zu gehen. Hier fällt auch das Bestellen von Essen weg; dies beschreiben einige Interviewpartnerinnen als stressig, da sie sich von der Auswahl überfordert fühlen oder nicht gut einschätzen können, ob es ihnen zu viel ist. Sophia Gesinger erzählt, dass sie am Liebsten dort essen geht, wo sie die Gerichte bereits kennt – dann kann sie besser abschätzen, was für sie passt.

 

Mit anderen Essen hilft

Es gibt auch Erzählerinnen, die beschreiben, dass für sie gerade das Essen mit anderen hilfreich ist. Die gemeinsamen Absprachen, Struktur und dadurch auch eine „gewisse soziale Kontrolle“ erleichtern es ihnen, wirklich zu essen. Clara Fischer erzählt, dass ihr das Kochen für sie und ihren Partner und das gemeinsame Essen sehr geholfen haben. Andere sagen, dass die Gemeinschaft sie von ihren Gedanken zum Essen ablenkt und sie deshalb leichter essen können. Für Katharina Wagner ist es hilfreich, mit anderen zu essen, weil sie dann eher in Maßen essen kann und nicht anschließend erbricht.

 

Einkaufen

Auch das Einkaufen von Lebensmitteln ist ein schwieriges Thema für viele Erzählerinnen. Besonders diejenigen, die Essanfälle erlebt haben, beschreiben, wie schwierig es ist, große Mengen an Lebensmitteln einzukaufen, ohne dass es auffällt. Sie erzählen, wie sie Strategien entwickelten, wie z.B. die Verpackungen im Laden zu lassen, um nicht durch den Müll aufzufallen oder auf dem Heimweg bereits alles zu essen. Das Einkaufen der großen Mengen ist sowohl aufwändig als auch sehr teuer, so dass einzelne in der Not und unter dem Essdruck Lebensmittel klauten. Andere Interviewpartnerinnen erzählen, dass sie heute wieder „normal“ einkaufen, sich aber von der Auswahl häufig überfordert fühlen. Sie erleben es als hilfreich, sich vorher genau aufzuschreiben, was sie brauchen.

 

Veränderungen im Umgang mit dem Essen im Laufe der Zeit

Im Laufe der Zeit veränderte sich die Essstörung bei vielen Erzählerinnen. Sie beschreiben, dass sich auch ihr Umgang mit dem Essen und nicht-Essen in unterschiedlichen Phasen veränderte. Einigen ist es inzwischen gelungen, ihr Normalgewicht zu erreichen und zu halten. Sie berichten, dass sie sich Lebensbereiche wieder zurückerobern konnten, wie z.B. gemeinsam mit anderen Essen oder im Restaurant essen gehen. Viele beschreiben aber auch, dass sie schnell verunsichert sind, wenn im Zusammenhang mit Essen etwas spontan oder unberechenbar geschieht. Sie haben Sorge, dadurch die Kontrolle zu verlieren.

So beschreiben einige eine bestimmte Routine beim Essen als hilfreich; sie essen gerne manche Dinge täglich und variieren nur einen Teil der Speisen. Manche erzählen, dass sie bestimmte Lebensmittel wie Pommes, Burger, Süßigkeiten vermeiden.

Für Clara Fischer sind zu viele Abweichungen von ihrem „Standard-Essen“ verunsichernd.

Einige Interviewpartnerinnen berichten, dass es ihnen schwerfällt, selbst für ein regelmäßiges Essen zu sorgen. Sowohl die Zeit mit der Essstörung als auch lange Klinikaufenthalte, in denen das Essen nicht selbst organisiert wurde, haben dazu beigetragen, dass sie unsicher sind, wann sie wieviel essen sollten (siehe Abnehmen, Essanfälle, Erbrechen). Tanja Zillich erzählt, wie sie im Urlaub mit Freunden außer sich geriet, weil jemand etwas von ihren abgewogenen Früchten gegessen hatte. Es war ihr nun unmöglich, abzuschätzen, wieviel sie davon zu sich nehmen darf. Auch das Kochen für sich oder die Familie beschreiben viele als schwierig, weil es sie überfordert. Eine Erzählerin berichtet, dass eine Ernährungsberaterin ihr half, wieder ein Gefühl für die Zusammensetzung und Mengen von Mahlzeiten zu entwickeln.

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