Botschaften an andere Betroffene

Eindringlich und mit viel Verständnis, Solidarität, Mitgefühl und guten Wünschen wenden sich die Erzählerinnen an andere Betroffene. Ein Grundtenor ihrer Botschaften ist: „Ihr seid nicht allein.“ Sie möchten ermutigen, sich nicht für eine Essstörung zu schämen und an sich selbst zu glauben.

Anna Lange weiß selbst, wie schwierig es ist, aber sie wünscht anderen, zu erkennen, dass es noch anderes im Leben gibt als die Essstörung.

Zugleich weisen manche darauf hin, wie schwer sie es finden, einen Ratschlag an andere Betroffene zu geben: Zu gut erinnern sie sich daran, dass sie selbst eine Phase erlebten, in der sie keine Ratschläge hören oder die eigene Essstörung noch nicht realisieren wollten. Auch für diese Phase äußern die Erzählerinnen viel Verständnis.

Ein weiterer Rat der Erzählerinnen ist: „Holt Euch Hilfe!“ Sie weisen auf eigene gute Erfahrungen hin, bei Psychotherapeuten oder in Kliniken Unterstützung gefunden zu haben, und ermuntern, sich Informationen und Begleitung zu suchen (siehe Erfahrungen mit Ärzten, Ambulante Psychotherapie, Stationäre Klinikaufenthalte, Ergänzende Unterstützung). Auch hier betonen manche, dass man sich für eine Therapie nicht schämen muss. Sie ermutigen, innere und äußere Hürden zu überwinden. Viele Erzählerinnen unterstreichen, dass man ihrer Erfahrung nach ohne professionelle Hilfe nicht aus einer Essstörung rausfindet. Ebenso geht eine Essstörung nicht einfach von selbst weg. Hannah Becker fasst es zusammen: Spätestens „wenn Lebensmittel zum Lebensinhalt werden“ sollte man dringend in Therapie gehen.

Einige Erzählerinnen sehen im Nachhinein ihre Essstörung in Zusammenhang mit anderen Themen wie Selbstwertproblemen, Beziehungsschwierigkeiten oder familiären Verwicklungen (siehe Beginn der Essstörung). Sie raten anderen Betroffenen, sich mit diesen Themen auseinander zu setzen.

Einzelne Erzählerinnen, die in Selbsthilfegruppen Unterstützung fanden, empfehlen, sich einer solchen Gruppe anzuschließen (siehe Andere Betroffene und Selbsthilfegruppen). Sie betonen, dass dort jeder willkommen ist, so wie er ist. Jeder kann dort ganz im eigenen Tempo entscheiden, tatkräftige und verständnisvolle Unterstützung von Menschen zu bekommen, die das eigene Erleben nachvollziehen können.

Einige Erzählerinnen schlagen vor, sich so viel Hilfe und Unterstützung wie möglich zu holen; selbst wenn manche einräumen, bei einer konkreten Psychotherapeutin oder von einem bestimmten Klinikaufenthalt nicht profitiert zu haben. Einzelne weisen darauf hin, dass sie professionelle Hilfe oder Selbsthilfegruppen als sinnvollere Unterstützung ansehen als die eigene Familie. Diese sei manchmal zu sehr verstrickt, um eine Unterstützung zu sein. Carina Wintergarten erzählt, dass sie gerade in schweren Phasen falsche von echten Freunden zu unterscheiden lernte.

Während Anstoß und Unterstützung von außen durchaus sinnvoll sein können, muss man selbst eine Veränderung wollen. Sich die eigene Essproblematik einzugestehen, beschreiben die Erzählerinnen als ersten und sehr wesentlichen Schritt (siehe Hilfe suchen, Hilfe annehmen). Es braucht dann Mut und einen Entschluss, etwas ändern zu wollen. Es nützt nichts, wenn man eine Therapie nur macht, weil die Eltern oder die Familie einen motiviert haben. Hier schwanken einzelne Erzählerinnen, einerseits angesichts der Bedrohlichkeit der Erkrankung zur Eile zu drängen, und andererseits zu wissen, dass eine eigene Motivation die Voraussetzung für wirkungsvolle Hilfe ist.

Aus einer Essstörung herauszufinden, beschreiben die Erzählerinnen als einen langen und anstrengenden Weg. Sie erzählen, dass es mitunter Rückschritte gab und es sich zwischendurch so anfühlte, als könne man es nie schaffen. Die Erzählerinnen wünschen Betroffenen, an ihren eigenen Wert zu glauben und sich durch Rückschritte nicht entmutigen zu lassen. Einige mussten lernen, sich nicht an fragwürdigen Schönheitsidealen oder Partnern und Freunden, die einen nur in einer bestimmten Form schön finden, zu orientieren. Sie betonen, dass es wichtig ist, sich nicht durch innere Kritik klein zu machen.

Schließlich betonen einige Erzählerinnen, dass man in einer Essstörung anfangs möglicherweise die Illusion hat, Kontrolle zu haben und Probleme und Gefühle weniger zu spüren, dass sie letztlich aber selbstzerstörerisch ist und nicht selten tödlich endet (siehe Körperliche Folgen). Einzelne laden dazu ein, sich auf das im Leben zu besinnen, was wirklich wichtig ist und scheinbar Banales zu genießen (und räumen zugleich ein, dass genau dies z.B. während einer Magersucht kaum noch gelingt). Claudia Siebert und Petra Kessler – beide leiden seit Jahrzehnten an chronischen Essstörungen – möchten gerade junge Mädchen ermutigen, entweder erst gar nicht eine Essstörung zu bekommen oder sich frühzeitig Hilfe zu suchen.

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