Stationäre Klinikaufenthalte

Der Weg in die Klinik

Viele unserer Gesprächspartnerinnen berichten, dass sie mehrfach in Kliniken zur Behandlung waren. Oft entwickelte sich eine Art Kreislauf, von Zunehmen in der Klinik und Abnehmen in den Zeiten dazwischen. Der erste Klinikaufenthalt fand bei vielen bereits im Jugendalter statt. Im Rückblick beschreiben sie, dass sie anfangs die Erkrankung nicht ernst nahmen und nicht damit rechneten, dass das so lange dauern kann. Sie dachten, sie sind schnell wieder fit. Oft kamen sie zu ihrem ersten Klinikaufenthalt auch nicht auf eigenen Wunsch, sondern weil sie von einem Arzt oder den Eltern geschickt wurden. Manche erzählen, dass sie vor der Klinik Angst hatten; sie dachten, „so krank bin ich doch nicht“ und konnten sich nicht vorstellen, sich den strengen Ausgangsregeln zu unterwerfen oder gemeinsam mit anderen zu essen. Viele sagen im Rückblick, dass sie sich auf den ersten Klinikaufenthalt noch nicht so recht einlassen konnten und ihn eher „über sich ergehen“ ließen. Manche der Betroffenen berichten aber auch, dass sie ihre Klinikaufenthalte selbst anregten und planten. Sie hatten den Eindruck, dass sie mit der ambulanten Therapie nicht weiterkamen und etwas Intensiveres brauchten, oder fanden es wichtig, die Verantwortung für das Essen für eine Weile ganz abgeben zu können. Andere wollten möglichst weit weg von zuhause oder beim zweiten Klinikaufenthalt in eine andere Klinik, weil sie Sorge hatten, dass die Behandler sonst schon voreingenommen sein könnten.

Hannah Becker schaute sich verschiedene Kliniken an und bekam in einer Klinik gleich einen guten Eindruck.

Lena Huber ging eher auf Drängen anderer in die Klinik.

 

In der Klinik

Das Einlassen auf die Strukturen und Therapien in der Klinik schildern viele unserer Interviewpartnerinnen als eine große Herausforderung. Fast alle berichten von Phasen, in denen sie die Therapien ablehnten und blockierten, obwohl sie gleichzeitig doch gesundwerden wollten. Sie beschreiben sehr eindrücklich, wie schwer es ist, das Krankheitsverhalten aufzugeben und erzählen von einer großen Angst, zuzunehmen, obwohl sie genau dafür in die Klinik kamen. Manchmal können sie das im Nachhinein selbst kaum noch nachvollziehen. Einige erzählen im Rückblick von einem „Knackpunkt“, an dem sich etwas in ihrem Denken änderte, so dass sie sich danach besser auf die Therapie einlassen konnten. Andere spüren die Angst immer noch und beschreiben, wie sehr der Kampf mit dem Essen sie weiterhin begleitet und wie belastend das für sie ist. Das schmerzhafte und anstrengende Hin- und Hergerissen sein zwischen Zunehmen sollen und Dünn bleiben wollen, zwischen Gesund werden wollen und die Krankheit nicht aufgeben wollen bzw. können schildern viele Betroffene als große Belastung während ihrer Klinikaufenthalte.  

Stefanie Peters erzählt, dass sich in der Klink irgendwann ein Schalter in ihr umlegte.

Vor allem das „Kontrolliert werden“ in der Klinik beschreiben unsere Gesprächspartnerinnen gleichzeitig als Hilfe und als Horror. Sie schildern, wie schwer es ist, so stark kontrolliert und eingeschränkt zu werden. Manche hatten das Gefühl, dass sie nur an ihrem Gewicht gemessen wurden und beschreiben das als sehr belastend oder kränkend. Andere sagen im Rückblick, dass sie noch mehr Kontrolle und Begrenzung gebraucht hätten, um den Spielraum zum „Schummeln“ nicht so zur Verfügung zu haben und gar nicht erst in den Kreislauf mit Tricksen und doch wieder Abnehmen hineinzugeraten (siehe Verheimlichen und Tricksen). Manche schätzen die Kontrolle und den erlebten Zwang in der Klinik im Nachhinein als notwendig ein, um die ersten Schritte aus der Erkrankung heraus zu machen, oder berichten sogar, dass sie nach dem Aufenthalt die „Kontrolle“ durch den Hausarzt oder eine gesetzliche Betreuerin weiterhin nutzen, um nicht wieder in die Erkrankung hineinzurutschen. Andere berichten von schlimmen Erfahrungen durch Grenzüberschreitungen und Kontrollverlust, auf die sie gerne verzichtet hätten. Sie sagen ganz deutlich, dass sie über die Erfahrung von einer solchen Form von Zwang sehr wütend sind und nie wieder einen solchen Übergriff auf ihre Persönlichkeitsrechte erleben möchten.

Als Folge der Angst vor dem Zunehmen und den Einschränkungen in der Klinik schildern die Erzählerinnen eine große Bandbreite an Strategien, die Vorgaben und Kontrollen zu unterlaufen (siehe Verheimlichen und Tricksen). Sie beschreiben, wie sie versuchten, das Krankheitsverhalten auch in der Klinik aufrecht zu erhalten und wie sie sich von den Mitpatientinnen und -patienten zusätzliche Tricks abschauten. Oft führte dieses Verhalten zu unangenehmen Konsequenzen, von Aufenthalten auf der Intensivstation und Sondenernährung bis hin zum vorzeitigen Abbruch des Klinikaufenthaltes. Vor allem das Legen einer Magensonde schilderten die Betroffenen oft als großen Einschnitt und als starke psychische Belastung. Im Rückblick bewerten sie diese Erfahrung dann sehr unterschiedlich: Manche Erzählerinnen sind weiterhin wütend darüber, weil sie das als Grenzüberschreitung und Demütigung erlebten, was sie eher noch rebellischer werden ließ. Andere sehen positiv darauf zurück und gehen davon aus, dass die Magensonde ihnen den Weg zurück in die Gesundheit und Normalität erleichterte, weil sie es damals nicht geschafft hätten, ausreichend zu essen.

Lena Huber flog aus verschiedenen Kliniken raus, weil sie sich nicht an die Vorgaben hielt.

Manche Betroffene erzählen, dass sie in der Klinik mit der Langeweile kämpften oder unter dem Abstand von der Familie oder den Freunden litten. Auch Schule war ein Thema, da durch die langen Klinikaufenthalte der Anschluss gefährdet war. Miriam Baumann sagt, sie konnte trotz des langen Klinikaufenthaltes wieder in ihre alte Klasse zurück, weil sie im Krankenhaus Unterricht hatte. Eine Interviewpartnerin war im Nachhinein froh, dass durch den Klinikaufenthalt ihr hoher Leistungsanspruch „gebremst“ wurde. Manche Erzählerinnen beschreiben, wie sie gelernt haben, sich in der Klinikzeit gut zu beschäftigen.

Neben dem Schwierigen erzählen viele unserer Gesprächspartnerinnen auch, wie sehr ihnen die Klinikaufenthalte halfen, wieder Mut zu fassen und mehr Selbstvertrauen zu bekommen. Sie erzählen, dass sie ihre Krankheit jetzt besser verstehen und annehmen können; dass sie wieder ein positiveres Verhältnis zu ihrem Körper haben und dass sie Essen wieder genießen können. Manche sagen, sie haben in der Klinik gelernt, aktiv etwas für sich zu tun und auch gegenüber anderen anders und besser zu kommunizieren, was sie brauchen. Sie entdeckten ihre Freude an kreativen Dingen oder an Körperarbeit und Tanz. Selbst wenn die Krankheit immer noch da ist, beschreiben die sie die Klinikaufenthalte als Unterstützung und Ermutigung, dranzubleiben oder Dinge umzusetzen, die sie alleine noch nicht schaffen. Oft beschreiben sie es als große Erleichterung, am Anfang des Aufenthaltes erstmal die Verantwortung abgeben zu können; sie erzählen, wie wichtig es war, Ansprechpartner zu haben und Verständnis für ihre Situation zu bekommen. Gegen Ende des Aufenthaltes schildern sie es als hilfreich, wenn sie sich ganz gezielt und Stück für Stück wieder auf die Rückkehr in den Alltag vorbereiten konnten.

Ein ganz besonders wichtiger Punkt war für viele unserer Gesprächspartnerinnen, dass sie in der Klinik zum ersten Mal andere Betroffene kennenlernten (siehe Andere Betroffene und Selbsthilfegruppen). Andererseits betonen auch viele, dass es gut für sie war, in der Klinik auf gemischten Stationen zu sein, so dass sie nicht nur mit Menschen mit der gleichen Erkrankung zusammen waren, sondern auch Menschen mit anderen Erkrankungen kennenlernten. Einige erzählen, dass in der Klinik gute Freundschaften entstanden, die auch über den Aufenthalt hinaus wichtig und hilfreich blieben.

 

Nach der Klinik

Viele unserer Gesprächspartnerinnen berichten, dass sie mehrere Klinikaufenthalte hatten. Sie schildern, wie sich die Erkrankung zwar während der Klinikzeit besserte, dass sie aber nach dem Aufenthalt wieder abnahmen. Manche erzählen, wie sie sich bemühten, das Erlernte gut umzusetzen; wie sie versuchten, den Sport als Ablenkung oder für ein gutes Körpergefühl zu nutzen oder die Essenspläne genau einzuhalten. Dann wurde es aber „zwanghaft“ und ihr Verhalten kippte wieder zurück in die Erkrankung. Für einige unserer Interviewpartnerinnen war es nach dem Aufenthalt schwierig, den Alltag wieder selbst zu managen, weil ihnen während der Klinikaufenthalte so viel Verantwortung abgenommen war (zum Beispiel für die Essensportionen oder das Finanzielle). Mehrere beschreiben, dass sie sich nach dem Aufenthalt damit alleine gelassen fühlten. Carina Wintergarten erzählt, dass sie sich immer gleich ambulante Therapie organisierte, um weiterhin Unterstützung zu haben. Manche schildern auch eine Erwartung der anderen, dass nach dem Aufenthalt „alles wieder gut“ ist, während es sich für sie selbst noch gar nicht gut anfühlte. Hannah Becker erzählt, dass ihr die Erfahrungen in der Klinik geholfen haben, offener mit ihrer ambulanten Therapeutin zu sprechen. Tanja Zillich sagt, für sie war es wichtig, nach dem Klinikaufenthalt umzuziehen, um die Erinnerungen in der alten Wohnung hinter sich zu lassen. So beschreiben viele der Betroffenen die Klinikaufenthalte als wichtige Einschnitte in ihrer Leidensgeschichte, die weit über den Aufenthalt hinaus Auswirkungen hatten.

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