Andere Betroffene und Selbsthilfegruppen

Für viele unserer Gesprächspartnerinnen war es eine wichtige Erfahrung, in der Klinik, im Alltag oder in einer Selbsthilfegruppe Menschen mit der gleichen Erkrankung kennen zu lernen und zu merken: Ich bin nicht allein damit. Heike Papst erkannte durch den Austausch mit anderen Betroffenen: „Ja, ich bin echt krank. Und ich bin nicht die einzige, die das macht, sondern es gibt andere genauso“. Einige sagen, dass sie nur mit „Leidensgenossinnen“ offen über die Krankheit reden können. Manche finden sogar, dass nur jemand, der die gleiche Erkrankung hat, sie wirklich verstehen kann. Sie machten die Erfahrung, dass Menschen, die nicht in einer Essstörung „drinstecken“, vieles nicht auf gleiche Weise nachvollziehen können.

Heike Papst findet einen Vorteil der Selbsthilfegruppe gegenüber dem Gespräch mit Therapeuten, dass sie sich in den Aussagen der anderen Betroffenen wiedererkennt.

Sophia Gesinger fand in anderen Betroffenen eine große Unterstützung.

Hannah Becker war froh, in der Klinik eine Leidensgenossin zu haben, mit der sie die Zeit gemeinsam durchstehen konnte.

Der Kontakt mit anderen Betroffenen bedeutete für einige unserer Erzählerinnen eine wichtige Möglichkeit zur „Außensicht“ auf die Erkrankung: Manche haben durch den Umgang mit anderen Betroffenen verstanden, wie hilflos man sich als Umfeld von Menschen mit einer Essstörung fühlt. Einigen wurde im Kontakt mit anderen klar, wie „krank“ sie bestimmte Verhaltensweisen eigentlich finden und dass sie diese bei sich selbst ändern wollen.

Nicht alle Erzählerinnen fanden den Austausch mit anderen Betroffenen hilfreich. Insbesondere die Erzählerinnen, bei denen Hungern und Abnehmen im Vordergrund steht, sind häufig skeptisch, ob der Kontakt mit anderen Magersüchtigen die Krankheit nicht noch verstärkt. Manche haben erlebt, dass sie sich permanent mit den Anderen vergleichen und sich dadurch angespornt fühlen, noch weiter abzunehmen. Sophia Gesinger erzählt, dass sie die Selbsthilfegruppe schwierig fand, „weil da auch richtig magersüchtige Leute dabei waren und ich mir das immer nur angeguckt habe und mir gedacht habe: Ich will genauso aussehen, wie die.“ Katharina Wagner erzählt, dass sie sich in der Klinik von anderen Betroffenen abgeschaut hat, wie man „noch besser“ abnehmen kann.

 

Erfahrungen mit Selbsthilfegruppen

Einige der Erzählerinnen haben Erfahrungen mit Selbsthilfegruppen gemacht. Manche sind schon seit vielen Jahren Mitglied und haben sehr intensiv an der Selbsthilfegruppe teilgenommen. Die Wege, eine Gruppe zu finden, waren unterschiedlich: Über den Hausarzt oder Psychotherapeuten, eine Beratungsstelle oder über Bekannte, die schon dabei waren. Brigitte Meyer erzählt, dass ihre Mutter sie auf die Selbsthilfegrupperuppe „Overeaters Anonymus“ (OA) aufmerksam gemacht hat, sie aber noch Jahre brauchte, bis sie sich dort meldete (siehe Hilfe suchen, Hilfe annehmen). „Overeaters Anonymus“ ist eine internationale Selbsthilfegruppe für Menschen, die die Kontrolle über ihr Essverhalten verloren haben. Ihr Konzept beruht auf den Zwölf Schritten der Anonymen Alkoholiker.

Die Erzählerinnen beschreiben Selbsthilfegruppen als Möglichkeit zum Austausch mit „Gleichgesinnten“, mit Leuten, die „wirklich verstehen, um was es geht“. Sie betonen, wie herzlich und unvoreingenommen sie aufgenommen wurden, und dass sich schnell ein Gefühl der Verbundenheit einstellte. Es entstanden Kontakte, manchmal enge Freundschaften. Die Gruppe kann Halt und Unterstützung geben, bei regelmäßigen Treffen auch eine feste Struktur. Einige beschreiben als besonders wichtig, dass in der Selbsthilfegruppe niemand sagt, was man tun muss oder Ratschläge gibt, sondern alle nur von ihrem eigenen Erleben sprechen, für einander da sind und alles auf freiwilliger Basis abläuft. Sie machten dort die Erfahrung, nichts beweisen oder leisten zu müssen, nicht verurteilt zu werden. Brigitte Meyer lernte in der Selbsthilfegruppe zu sagen, dass sie Hilfe braucht. Für Martina Fuhrmann war die regelmäßige Gruppe eine Alternative zur Therapie, ein Ort der „Psychohygiene“. Heike Papst sagt sogar: „Also wenn die nicht wären, die Gruppe, wüsste ich nicht, ob ich heute noch leben würde. Ja. Und das ist einfach ja eine wunderschöne Gemeinschaft.“ Katharina Wagner betont, dass es wichtig ist, sich die Selbsthilfegruppe genau anzuschauen, weil nicht jede zu einem passt.

Brigitte Meyer probierte das Konzept der „Overeaters Anonymus“ (OA) aus und bekam dort viel Hilfe.

 

Erfahrungen im Internet

Manche der Erzählerinnen nutzten das Internet, um etwas von anderen Betroffenen zu erfahren oder sich mit ihnen auszutauschen. Es gibt Erzählerinnen, die erst über diesen Weg überhaupt die Möglichkeit fanden, andere Menschen mit der gleichen Erkrankung kennen zu lernen, weil sie in ihrem Umfeld niemanden hatten. Einige warnen auch hier davor, dass diese Seiten die eigenen Essstörungshandlungen „triggern“ können, also die Krankheit verstärken: Man kann sich beispielsweise Tipps rausziehen, wie man mehr abnehmen kann. Andererseits fanden manche auch einen positiven Ansporn darin, beispielsweise zu sehen, dass andere einen Weg aus der Krankheit heraus gefunden haben. Manche fanden Hilfe darin, sich in ihrem eigenen Internet-Blog mit der Erkrankung auseinander zu setzen.

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