Körperliche Folgen

Die Erzählerinnen erlebten viele unterschiedliche körperliche Folgen der Essstörung. Diejenigen, die über längere Zeit starkes Untergewicht hatten, berichten unter anderem von folgenden körperlichen Schäden:

  • Schlechte Kaliumwerte
  • Eisenmangel
  • Brüchige Haare, Haarausfall
  • Trockene Haut
  • Ständiges Frieren
  • Ausbleiben der Periode, Hormonveränderungen
  • Flaum am ganzen Körper
  • Blaue Körperstellen, schlechte Durchblutung
  • Wasser im Herzen
  • Niedriger Blutdruck, Schwindelanfälle, Ohnmacht
  • Im CT sichtbare Veränderungen des Gehirns

Erzählerinnen, bei denen es häufig zu Essanfällen und Erbrechen kam, hatten noch mit anderen körperlichen Begleiterscheinungen zu kämpfen. Sie berichten unter anderem von:

  • Problemen mit den Zähnen bzw. dem Zahnschmelz durch den sauren Mageninhalt beim Erbrechen: Zähne mussten zum Teil gezogen werden, es gab ständige Entzündungen im Mund
  • Magenproblemen, Verdauungsproblemen, Sodbrennen durch die großen Mengen, die bei einem Essanfall verschlungen werden
  • Reflux, angegriffener Speiseröhre durch die den ständigen Kontakt mit Magensäure beim Erbrechen
  • Magenblutungen, einige erbrachen zeitweise auch Blut
  • Geschwollenen Lymphknoten vom ständigen Erbrechen
  • Problemen mit der Halswirbelsäule durch das Erbrechen, Schmerzen
  • Nierenschäden und Herzprobleme

Lena Huber beschreibt viele Spätfolgen, die sie durch die Essstörung hatte.

Claudia Siebert hat viele körperliche Schäden durch die Essstörung und erlebte, dass sie irgendwann ganz plötzlich sehr schnell alterte.

Viele der Erzählerinnen entwickelten Konzentrationsschwierigkeiten und Schlafstörungen. Bei fast allen war irgendwann das Hunger- und Sättigungsempfinden gestört – sie konnten nicht mehr spüren, ob sie Hunger hatten und wann sie satt waren. Die meisten der Erzählerinnen berichten, dass sie nach einiger Zeit in der Essstörung keine Kraft mehr hatten. Sie fühlten sich körperlich am Ende, schwach, müde, erschöpft, brauchten viel Schlaf und konnten ihren täglichen Aufgaben kaum noch nachgehen. Einige, die als Teil ihrer Essstörung exzessiv Sport getrieben hatten, merkten irgendwann massive körperliche Ermüdungs- und Verschleißerscheinungen, manche erlebten sogar Ermüdungsbrüche der Knochen. Andere waren eher überrascht, wie zäh ihr Körper war, und dass sie auch in körperlichen Extremzuständen noch leistungsfähig waren. Doch auch diese berichten über verschiedene körperliche Folgen der Essstörung. Einige erzählen, dass sie zunächst sehr lange gar keine Nachteile bemerkten, dann aber ganz plötzlich massive körperliche Einschränkungen erlebten.

Lena Huber kam nicht einmal mehr drei Treppenstufen hoch.

Es gibt Erzählerinnen, die bereuen, dass sie aufgrund der Hormonveränderungen während der Essstörung keine Kinder bekommen konnten und inzwischen zu alt sind. Manche kamen während der Erkrankung in lebensbedrohliche Zustände. Einige hatten so massives Untergewicht, dass sie hätten sterben können. Einige der Interviewpartnerinnen erzählen, dass ihnen die körperlichen Folgen egal waren, als sie in der Essstörung steckten, für andere waren sie ausschlaggebend um zu erkennen, dass sie Hilfe brauchten (siehe Das Problem erkennen).

Einige der Erzählerinnen betonen, dass die körperlichen Schäden zum Teil zurückgingen, als sie wieder zunahmen: Sie wurden wieder stärker, hatten mehr Reserven, der Haarausfall ging zurück, die Regelblutung kam wieder regelmäßig. Manche leiden jedoch auch noch Jahre nach einer Besserung der Essstörung unter den körperlichen Folgen, insbesondere unter Knochenbrüchen, Zahnproblemen, Verdauungs- und Magenbeschwerden. Einigen von Ihnen hilft es, wenn sie Ärzte haben, mit denen sie offen über diese Spätfolgen sprechen können und von denen sie beraten werden.

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